Oskar Negt, Christine Morgenroth: Überlebensglück (04.10.17)

Orientierung und Überlebensstrategien von Kriegskindern - Eindrücke aus einer bewegenden Veranstaltung der Reihe Futoro D

Das Schweigen über das Leid der Kriegskinder brechen, das ist das Motto der seit 2016 stattfindenden Veranstaltungen der Reihe Futuro D.

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung im Krieg stand bei der diesjährigen Veranstaltung mit dem Soziologen Dr. Oskar Negt und der Sozialpsychologin Dr. Christine Morgenroth im Mittelpunkt, die vom Stephansstift-Zentrum für Erwachsenenbildung, der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung und der Ev. Erwachsenenbildung Niedersachsen veranstaltet wurde.

Wie können Menschen mit großer Verletzung weiterleben und wie beeinflusst ihr Schicksal das Leben ihrer Kinder und Enkel. 2016 hat. Dr. Oskar Negt in seiner Autobiographie „Überlebensglück“ seine Fluchterfahrungen aufgeschrieben. Er nimmt uns mit in die Zeit am Kriegsende, als er als 10-Jähriger mit seinen beiden Schwestern auf der Flucht über Monate von seinen Eltern getrennt war.

„Wer die Grunderfahrung von Flucht und Vertreibung einmal gemacht hat, der arbeitet ein Leben lang an dem Problem der Ich-Findung und Orientierungssicherheit, denn das Erste, was ein Flüchtlingsdasein bewirkt, ist die Zerstörung verlässlicher Orientierung“. Dies ist eine der Schlussfolgerungen, die Negt zieht.

Wie ist es Kriegskindern geglückt, trotz zum Teil traumatischer Erfahrungen ein gelungenes Leben zu führen? Oskar Negt skizziert, dass das Erleben einer glücklichen Kindheit wesentliche Kraftquelle war. Die Stärkung durch die Eltern und Schwestern gaben ihm „Bodenhaftung“. Auf der Flucht gaben die verlässlichen Bindungen an seine beiden Schwestern Halt und Zuversicht. Sie hielten ihn gesund und waren insgesamt sein Überlebensglück. Er konnte mit seinem Grundvertrauen in diese Menschen sein weiteres Leben ohne tiefe seelische Narben und Alpträume leben.

Von ganz anderen Schicksalen berichtet Prof. Dr. Christine Morgenroth in ihrem Beitrag „Kriegskindheit – Generationsübergreifende Weitergabe“.

Sie schildert, wie von Kriegs- und Fluchterlebnissen Traumatisierte das Erlebte durch Tabuisieren und das Verschweigen zu Konfliktpotentialen für die nächsten Generationen wird. Die Auswirkungen würden sich in der Regel in vielfältigen Beziehungsstörungen und Bindungsproblemen der nächsten Generation zeigen, ausgelöst durch die mangelnde Verbundenheit und Schwingungsfähigkeit (Resonanz) ihrer traumatisierten Eltern bzw. Großeltern. Traumatisierte Eltern machten ihre Kinder unbewusst zu „Gedächtniskerzen“ ihres erlittenen und verdrängten Schicksals.

Nur im Blick aus der Mehrgenerationenperspektive könnten diese „Gedächtniskerzen“ in den Therapien bei den Kindern und Enkel aufgedeckt werden. Die geschichtlichen Hintergründe der Persönlichkeit sollten in der Öffentlich stärker ins Bewusstsein kommen, damit die des Traumata der Kriegskindergeneration als gesellschaftliches Thema verstanden werden.

Prof. Dr. Christine Morgenroth ermutigt die Anwesenden und Träger der Erwachsenen- und Weiterbildung, dass Thema Kriegskindheit beherzt aufzugreifen und in ihren Veranstaltungen Raum für Gespräche über diese Erfahrungen zu geben. Wichtig für den gemeinsamen Lernprozess sei: zuhören, reden und weinen lassen und behutsam nachfragen.

Dr. Albrecht Schack stellte das Seminar „Was hat der Krieg mit mir gemacht? Für Menschen aus der Generation der Kriegskinder“ vor. Gemeinsam mit vier weiteren Zeitzeugen der Generation über 80 Jahren hat er 2017 ein Konzept erarbeitet und in der evangelischen Heimvolkshochschule in Hermannsburg durchgeführt. Zielführende Leitfragen haben sich als Gesprächsimpulse hilfreich zur Gesprächsanregung in der Erwachsenenbildung erwiesen.

Mehr als 60 Teilnehmende und die Vertreter/innen der drei einladenden Träger der Erwachsenenbildung waren tief berührt von den geschildeten Erfahrungen und Impulsen.

Das Thema ‚Kriegskinder‘ wird 2018 durch die Veranstalter fortgesetzt werden.

Damit möchten die drei Institutionen einen Beitrag, das Thema Kriegserlebnisse in die Öffentlichkeit zu bringen.

Statt Vergessen und Schweigen sollen geeignete Bildungsangebote das Reden und Erinnern fördern.

 

Susanne Sander, Stephanssstift. ZEB, theologische Studienleiterin

Gertrud Völkening Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung

Angela Biegler, Ev. Erwachsenenbildung Niedersachsen